Sprache: Negation und Utopie
Zu Möglichkeitsbedingungen der Kritik in Niklas Luhmanns
Sprachkonzeption
Dennis Schmolk
M.A. Gesellschaftstheorie (seit WS 22/23)
Matrikelnummer: 206141 | Mail: dennis.schmolk@uni-jena.de
Website: dennisschmolk.de | Telefon: 0160 / 96 55 36 87
Abstract
Dieser Essay stellt die Frage, welche Möglichkeitsbedingungen Kritik erfordert. Daran anschließend soll gezeigt
werden, in welcher Weise Sprache in der Konzeption Niklas Luhmanns bereits inhärent ein Werkzeug der Kritik
ist. Dabei werden zwei zentrale Kriterien für kritische Positionierungen herausgearbeitet: das Negationspoten-
zial — Sprache kann „Ja“ und „Nein“ sagen und führt beide Fassungen stets mit — und das Utopiepotenzial —
die Sagbarkeit von etwas, was noch nie gesagt wurde und was nicht wahrnehmbar ist. Sprache ist damit, der
soziologischen Systemtheorie folgend, stets kritisch.
FRIEDRICH-SCHILLER-
UNIVERSITAT
Seminar „Sprache und Gesellschaft“
Dr. Sebastian Sevignani
WS 2023/24. Essay | von Il. Abgabe: 29.03.2024
Inhaltsverzeichnis
1 Systemtheorie und „Kritik“? 3
2 Was meint „Kritik?“ 4
3 Sprache und Kritik 6
31. ‚Negationstähiskeit. »,... 2, 2.2. 82a 8.88 has an 7
3.2 Etwas sagen, was noch nie gesagt wurde .... 2... 2222200. 8
9
3:3. D3s-UÜlopiepotenzual 222 4822822 228 2 Bes a a
4 Fazit und Ausblick 11
5 Literatur 13
1 Systemtheorie und „Kritik“?
Alles könnte anders sein — und fast nichts kann ich ändern.!
Dieses auf politische Planbarkeit gemünzte Zitat Luhmanns scheint zusammenzu-
fassen, in welchem Zwiespalt die Systemtheorie steckt: Auf der einen Seite ist sie die
große Theorie der Kontingenz, sogar der doppelten; auf der anderen Seite legt sie
unnachgiebig den Fokus auf operative Geschlossenheit? der Systeme und exkludiert
sogar den Menschen aus dem Sozialen.*
Auch die Kontingenz des Bestehenden meint keineswegs (als Hoffnung) die direkte,
intentionale Veränderbarkeit. Und auch nicht (als Fundierung einer Kritik) die Tatsa-
che, dass das Bestehende eine willkürliche Setzung ist. Sie meint nur, dass etwas we-
der notwendig noch unmöglich ist.” Dass die Gesellschaft - deren Einrichtungen und
Praktiken wir als kritikwürdig sehen mögen - nicht unmöglich sein kann, sehen wir
daran, dass sie existiert; dass sie nicht notwendig so ist, wie sie ist, und dass sie stets
das Potenzial zur Veränderung birgt, mag sich aus vielem ergeben: Aus Erwartungen,
dass sie anders wäre; aus Lernprozessen, also den Enttäuschungen von Erwartungen,
anhand derer wir Erwartungen angepasst haben; oder auch aus dem Festhalten an
Erwartungen trotz ihrer Enttäuschungen (das dann zu Normen® gerinnt).
An dieser Stelle könnte man die Systemtheorie für eine kritische Positionierung
zu „Gesellschaft“ verwerfen und sich anderen Theorien zuwenden - etwa der Frank-
furter Schule und ihrer Nachfolge. Meines Erachtens würde dieser Schritt aber zu
vorschnell erfolgen.7 Denn gerade im Sprachkonzept Luhmanns finden wir eine ele-
!Luhmann 1994, S. 44.
2Baraldi, Corsi und Esposito 2021, S. 75.
3Ebd., S. 37.
* uhmann 1992, S. 31.
5Luhmann 1991, S. 152.
6Baraldi, Corsi und Esposito 2021, S. 97.
Die ursprüngliche Hoffnungsfähigkeit der Kritischen Theorie darf überdies in Frage gestellt wer-
den. Zusammenfassend im Vorwort zu Möller und Siri 2016: „Während Adorno und Horkheimer
hinsichtlich der Möglichkeiten einer Veränderung dessen, was ist, sehr skeptisch waren - vielleicht
sogar skeptischer als der Systemtheoretiker Luhmann — machen die Nachfahren oft den Glauben
an bessere Argumente und an die Widerstandsfähigkeit von Individuen stark.”
gante und knappe Fundierung von Kritik. Erst Sprache erlaubt mit Luhmann, wie im
Folgenden zu zeigen ist, sowohl eine „destruktive” (gegen das Bestehende gerichtete)
sowie eine „konstruktive“ (eine, affirmativ oder wiederum kritisch, auf Alternatives
gerichtete) Kritik. Im Rahmen unserer Seminarfrage, inwiefern „der Bezug auf Spra-
che normative Ansprüche der Kritik fundieren” kann, wäre nach diesen „strukturel-
len“ Überlegungen zu klären, ob wir an der Sprache auch ein moralisches „Schwer-
gewicht auf [unserem] Handeln“? festmachen können.
2 Was meint „Kritik?“
Etymologische Herleitungen der „Kritik“ inkl. Verweisen auf die Nähe zur „Krisis”
oder „Krise“ gibt es zuhauf.? Interessant ist, dass stets ein Fokus auf dem „Schei-
den” liegt: krinein als abscheiden, unterscheiden, auch entscheiden. Die Kritik ist eine
Entscheidung zur Unterscheidung; als Operation wird sie von einer (als solche beob-
achteten) Krise ausgelöst; die Krise erfordert die Entscheidung (ansonsten würde man
sie vielleicht als Katastrophe bezeichnen). Kritik ist damit stets kontingent und „sinn-
förmig“,!! was bedeutet, dass sie unterstellen muss, dass ein Sachverhalt auch anders
sein könnte: Die eigene Sterblichkeit kann man bemängeln und betrauern, sogar tech-
nologisch zu beheben versuchen, aber nicht „kritisieren“ — und das nicht nur mangels
eines passenden Adressaten. Nicht umsonst ist die Strategie, „Alternativlosigkeit” zu
behaupten, eine wesentliche Form des Umgangs mit Kritik.
Damit ist nun aber noch nicht genauer spezifiziert, nach welcher Art der Kritik
wir suchen. Es geht in jedem Fall um eine Kritik von „Gesellschaft“ — wobei offen
bleiben muss, was genau damit gemeint ist; eine Begriffsbestimmung der Gesell-
schaft sprengt den hiesigen Rahmen. Ich fasse „Gesellschaft“ daher in Anlehnung
an Luhmann schlicht als Aggregat der beobachtbaren oder erwartbaren Kommuni-
öFriedrich Nietzsche, „Die fröhliche Wissenschaft“, Viertes Buch, Aphorismus 341.
°Vgl. etwa Klenk 2016, 20f.
1OKrause 1996, 154f.
kationen:!! Zur Gesellschaft gehören alle Kommunikationen, die ein an Gesellschaft
teilnehmendes System (Personen, Interaktionen, Organisationen, Funktionssysteme,
..) beobachten kann.
Daraus folgt nun, dass es keine „externe“ Kritik geben kann: Keine Beobachte-
rin kann sich „neben“ die Gesellschaft stellen und diese von außen benennen und
bezeichnen. Kritik ist immer eine gesellschaftsimmanente Kritik. Man kann, wie es
laut Luhmann Protestbewegungen tun,!? die Differenzierungsform der Gesellschaft
kritisieren; oder auch eine Pauschalablehnung aller Kommunikationen vornehmen;
dadurch wird es aber niemals möglich, aus der Gesellschaft zu entkommen und sie
„objektiv“ zu kritisieren. Das könnte nur Gott (und eine wichtige Quelle von Gesell-
schaftskritiken war und ist daher stets die göttliche Offenbarung gewesen, !? mit den
bekannten Folgen). Dies schränkt auch den Raum ein, in dem nach einer normativen
Begründung von Kritik, etwa einer objektiven Vorstellung dessen, wie es besser ginge,
gesucht werden kann: Nämlich nicht außerhalb von Gesellschaft.
Im Folgenden soll die Kritik daher als Kritikkommunikation von anderer Kommu-
nikation unterschieden werden, und als Gegenbegriff wähle ich die „Affirmation”:!*
Auf einer obersten Ebene wird also differenziert zwischen „Zustimmung zum So-Sein
des Beobachteten” und der „Ablehnung“ dessen. Wir müssen damit leben, dass die
Fundierung der Kritik dadurch in die Beobachtungsperspektive von Systemen (auf
sich oder auf ihre Umwelt) verschoben und vorerst nicht weiter begründet wird. Das
IlVgl. Krause 1996, 102f.
2Vgl. Baraldi, Corsi und Esposito 2021, 187f.
Bel. beispielhaft die „subversiven“ Analysen von Johannes Agnoli in Agnoli 2014, etwa zur römi-
schen Religion und dem Christentum S. 87-98, zu Thomas Müntzer S. 127-139 sowie zusammenfas-
send S. 159: „Aber vor der Aufklärung war eben die Religion die Form, in der sich die politischen
und gesellschaftlichen Kämpfe ausdrücken mußten.”
14Diese Setzung ist eine moderne, wie Luhmann in Luhmann 1998, S. 472 beschreibt: Dem Begriff der
Kritik wurde der „Sinn des Ablehnens des Kritisierten” untergeschoben. Er ordnet dies in einen
Zusammenhang der Präferenz für Neues ein: Die Alternative ist inhärent besser als das Kritisierte.
Zu beachten ist zudem: Kritik legitimiert auch immer ihren Gegenstand - das gilt für die Kunst-
kritik (vgl. Baecker 2016, S. 228), aber auch für jede „Gesellschaftskritik”. Das liegt alleine schon
daran, dass jede Kritikkommunikation den Gegenstand der Kritik aktualisiert und damit erinnert.
Zu dieser Konstitution des Erinnerns und Vergessens vgl. auch Luhmann 2018, insb. S. 70f. Die
Paradoxie zu untersuchen sprengt hier allerdings den Rahmen.
ist selbst wiederum als „subjektiv“ oder „willkürlich” kritisierbar. Aber es geht nicht
anders.
Daher nähern wir uns dem Problem der Kritik nun zunächst, indem wir nach ihren
Möglichkeitsbedingungen fahnden. Da uns Kritik - etwa der Vorwurf, eine politische
Entscheidung sei ungerecht; ein Preis sei zu hoch oder zu niedrig; eine wissenschaft-
liche Erkenntnis befördere Ungleichheitslegitimationen; das Bildungssystem selegiere
ungerecht nach Herkunft etc. - zumeist als (schrift-) sprachliche Äußerung begegnet,
beginnen wir die Suche bei den Struktureigenschaften und Funktionen der Sprache.
3 Sprache und Kritik
Sprache koppelt laut Luhmanns Darstellung in „Die Gesellschaft der Gesellschaft“!?
Zeichen (zunächst körperlich-stimmliche Lautfolgen, später visuelle Schriftzeichen)
an einen Sinn (S. 210, 213). Sie stellt nach Luhmann damit zunächst vor allem sicher,
dass verstanden wird — was im systemtheoretischen Kommunikationsbegriff meint:
dass unterschieden wird zwischen einer Mitteilung und einer Information. Sprache
sichert genau das: Man kann nicht leugnen, dass man mitteilt, wenn man sich der
Sprache bedient. Und aus der Gegenperspektive: Man kann bei Sprache nicht nicht
hinhören (auch wenn man sich entscheiden kann, nicht zuzuhören). Das macht, laut
Dirk Baecker, die Sprache auch zum funktionalen Äquivalent der Gewalt und wirkt
dadurch „zivilisierend“!° - man könnte auch sagen: Die Sprache schafft damit die
Grundlage eines Widerspruchs, der nicht mit einem körperlichen Angriff einhergehen
muss (das aber freilich weiterhin kann).
Sprache sichert das Verstehen in diesem Sinn auch zwischen Menschen unterschied-
licher Sprachen oder Codes!” und stellt die Wandlungsfähigkeit des mit einem Laut-
BFür die folgenden Ausführungen vgl. Luhmann 1998, insb. 205-230. Alle Inline-Seitenangaben be-
ziehen sich auf „Die Gesellschaft der Gesellschaft“.
16Baecker 2005, S. 183.
17Etwa der „testringierten“ und „elaborierten” Codes Basil Bernsteins, vgl. Oevermann 1970, S. 38-44.
zeichen „gemeinten” Sinns sicher: Laut und Sinn sind gekoppelt, aber diese Kopplung
ist kontingent (S. 211) und kann sich daher auch ändern; freilich nur in gewissem
Rahmen, wenn noch verstanden werden soll, welchen Sinn die Laute bezeichnen. !®
Die Sprache hat darüber hinaus aber in Luhmanns Theorieanlage zwei für Kritik
wesentliche Funktionsweisen aufzubieten: Sie kann negieren; und sie kann Alternati-
ven beobachtbar machen, auch wenn es diese Alternativen noch gar nicht gibt.!?
3.1 Negationsfähigkeit
Für seine (kommunikationstheoretische) Sprachauffassung reduziert Luhmann die
Komplexität der Sprachanalyse radikal: Statt „Beschränkungen der Verwendung von
Worten, auf Syntax, Grammatik und dergleichen” und „Tiefenstrukturen” zu beob-
achten, also mit „eigentümlichen Sprachstrukturen”, „mit denen sich die Fachleute
für Sprache im Detail beschäftigen” ,?" (S. 220) zu operieren, setzt er eine „radikale
und viel einfachere Struktur” (S. 221): Sprache kann Ja und Nein sagen; etwas Ge-
sagtem kann widersprochen werden. Sprache stellt „für alles, was gesagt wird, eine
positive und eine negative Fassung zur Verfügung“ (S. 221).
Dies hat durchaus strukturelle Implikationen (etwa, dass die Identitäten der Wörter
und Begriffe im Regelfall stabil genug sein müssen, in beiden Fassungen Verwendung
zu finden, und die Ideen von Logik und „ausgeschlossenem Dritten”, S. 223). Aber
zur hier notwendigen Möglichkeitsbestimmung der Kritik genügt das Negationspo-
tenzial.
18Wenn Voloshinov recht hat, dass die herrschenden Klassen statische, verdinglichte Sprachkonzepte
bevorzugen, weil sie den Status Quo erhalten wollen (vgl. McNally 2000, S. 116), ist die Sprache
nach Luhmann selbst schon ein Garant für Subversion durch Bedeutungsbverschiebungen. Denn es
ist nahezu ausgeschlossen, dass sich der Sinn in der Kommunikation statisch erhält.
19 ‚Beobachtbar machen“ ist hier vor allem im kommunikativen Sinn gemeint; die Sprache macht diese
Alternativen aber auch „denkbar“. Diese Funktion ist also auch in psychischen, nicht nur in sozialen
Systemen vorhanden.
20Djese „herkömmlichen“ Betrachtungsweisen von Sprachen leisten vermutlich auch dem Vorschub,
was Sibylle Krämer in Krämer 2002 als „Logozentrismus” kritisiert hat.
Dieses ist evolutionär „neu” und erst durch Sprache möglich: Ein Tier kann, kom-
munikativ oder sogar „semiotisch”,?! auf einen Angriff durch einen Gegenangriff
reagieren; es kann aber nicht die Legitimität eines Angriffs in Frage stellen oder dis-
kutieren, ob ein eigener Angriff besser unterbleiben sollte: In der Welt gibt es keinen
„Nicht-Angriff”. Genereller ist die Bezeichnung von etwas, was nicht unmittelbar an-
wesend, nicht direkt „zeigbar” ist, ohne Sprache nicht realisierbar. Damit kommen wir
zur zweiten wichtigen Eigenschaft der Sprache für Kritik: Die Vorstellbarkeit dessen,
was nicht wahrnehmbar ist.
3.2 Etwas sagen, was noch nie gesagt wurde
Sprache entkoppelt Kommunikation (und Bewusstsein) von Wahrnehmung (S. 207,
211, 222) und macht damit möglich, bislang Ungesagtes, nicht unmittelbar durch ge-
teilte Wahrnehmung „Be-deutbares” zu sagen: Der Satz „Alles gehört allen” kann
verstanden werden. Denn das Zeichen setzt nicht voraus, „daß es das in der Außen-
welt gibt, was bezeichnet wird” (S. 209), oder dass diese „Außenwelt“ sich so verhält,
wie man sie sprachlich darstellt. Erst mit der Sprache wird das, was nicht wahrnehm-
bar ist, beobachtbar-:. Dadurch kommt zeitlich, sachlich und sozial eine Aussage in
die Welt,?? die diese auf kontrafaktische Weise beschreibt; und damit das Potenzial zu
Utopie”? oder auch nur zu einer Vorstellung, wie es besser ginge. Eine Aussage wie
„Das gehört mir!“ könnte auch ersetzt werden durch Verhalten (indem der betreffende
Gegenstand schlicht genommen oder ein fremder Zugriff abgewehrt wird, körperlich
17
oder mimisch); die Aussage „Das gehört allen!” als zeitlich stabile Setzung, die den
Zugriff aller Mitglieder einer Gruppe auf den Gegenstand sichert, kann ohne Spra-
Aygl. Sum und Jessop 2013, S. 152, 195.
22]m Sinne der Unterscheidung und Bezeichnung, s. Baraldi, Corsi und Esposito 2021, S. 157-161.
Sprache ist in allen „Sinndimensionen”, vgl. ebd., S. 141-143, rückgebunden. Sie hat, vgl. Scherke
2023, S. 12, temporalen Bezug in ihren Emotionen, in Hoffnungen oder Ängsten auf die Zukunft
oder in Nostalgie, Wut, Trauer in Bezug auf Vergangenes; sie appelliert, vgl. Siri und Nassehi 2016,
S. 210, sozial und sie braucht einen Sachbezug.
24Mindestens im Sinne des ou-topos, des „Nicht-Orts”.
che nicht gebildet werden. Die Optativform des Satzes („Das sollte allen gehören!”)
schließlich ist als bezeichnete Wahrnehmung völlig undenkbar.
Eine spannende sozialevolutionäre Frage ist, ob und inwieweit die phylogenetische
Entwicklung der Sprache davon abhängt (bzw. der ontogenetische Spracherwerb dazu
führt), dass sich aus einer ursprünglich direkten, unmittelbaren, operativen Kopplung
(wie sie heute noch etwa bei der „Kopplung“ eines Säuglings an die primäre Bezugs-
person zu beobachten ist) eine strukturelle Kopplung über soziale Systeme entwickelt.
Aus der Unmittelbarkeit des körperlichen Bezugs ergibt sich, vermutlich über den
„Umweg“ der Emotionen,” das Sprachverständnis. Im Säuglingsbeispiel könnte man
nun postulieren, dass erst mittels sprachlicher Äußerungsfähigkeit eine hinreichen-
de symbolische Distanz zur unmittelbaren Körperwahrnehmung realisiert wird, die
„Kritik“ an der mütterlichen Handlung (die auch erst durch Sprache als „Handlung“
zuzurechnen ist!) erlaubt. Unmutsbekundungen des prä-sprachlichen Säuglings wä-
ren in diesem Sinne noch nicht kritisch, da es an der Kontingenz des Widerspruchs
mangelt - der Säugling kann nicht anders, als zu widersprechen, hat dabei aber keine
Vorstellung, wie es anders oder besser sein könnte.
3.3 Das Utopiepotenzial
Dieses „Utopiepotenzial“?° ermöglicht, dass den dann als negativ verstandenen „herr-
schenden Verhältnissen” eine Positivfolie beigestellt werden kann - eine wesentli-
che Komponente kritischer Auseinandersetzung, da es ohne diese Vorstellung keinen
Maßstab gibt, an dem das Bestehende kritisiert werden könnte. Dies mag von einem
„eine Welt, in der ich nicht geschlagen werde, ist besser” bis zu einem „eine Welt,
Vgl. Simon 2004, S. 125-127.
267 u untersuchen wäre, inwiefern erst die Konfrontation mit anderen Erdteilen, Völkern und Kulturen
diese utopische Potenz befreit hat; diese Konfrontation wiederum kann nur medial vermittelt ver-
standen werden - schließlich gab es vor dem 19./20. Jahrhundert nur für sehr wenige Menschen die
Gelegenheit, diese Erdteile aus eigener Anschauung kennenzulernen, und auch ein solches Kennen-
lernen war stets durch mediale Vorerfahrungen geprägt. Vgl. zur Entwicklung von topographischen
zu eher temporal bezogenen Utopien etwa Schauer 2024, 36f.
in der niemand schlägt, ist die beste” reichen, obwohl in der Welt immer geschlagen
wurde und wird. Diese erhebliche Komplexitätssteigerung einer verdoppelten Welt
(5.223) stößt eine eigene Evolution an, die dann etwa in moralischen „Programmen“
oder Präferenzcodes (S. 360) sedimentiert. Sie gehen auf die Eigenschaft des Sprach-
codes zurück und bieten im jeweiligen Fall „Anhaltspunkte dafür, ob Jas oder Neins
angebracht sind” (S. 224).
Mit der Sprache kommt aber nun auch die Lüge in die Welt: Was vorher an Wahr-
nehmung hing, mithin unmittelbar überprüfbar war, kann nun einfach behauptet wer-
den. Erst mit Sprache können Lügen dann aber auch beobachtet, Personen zugerech-
net (auch: unterstellt!) und ihnen (den Lügen wie auch den Personen) widersprochen
werden. Sprache macht Lügen möglich; aber sofort auch die Kritik von Gesagtem als
Lüge.
Eine spannende Anschlussfrage, der hier platzbedingt nur kursorisch nachgegan-
gen werden kann, ist, was geschieht, wenn eine sprachlich präformierte Kommunika-
tion wieder auf Wahrnehmung zurückgeworfen wird. Das kann spontan in Extrem-
situationen der Fall sein, aber auch von langer Hand geplant werden: Dann sprechen
wir meist von „Kunst“ oder „Unterhaltung“. Über den Zusammenhang von Kunst
und Wahrnehmung schreibt Luhmann:
Anders als die sprachliche Kommunikation, die allzu direkt auf eine Ja/Nein-Bifurkation
zustrebt, lockert die über Wahrnehmung geleitete Kommunikation die strukturelle Kopp-
lung von Bewußtsein und Kommunikation (selbstverständlich: ohne sie zu zerstören). Die
in der Wahrnehmungswelt vorhandenen Bewegungsfreiheiten werden gegen die Engfüh-
rungen der Sprache wiederhergestellt.?7
Wie aus der jüngeren Geschichte ersichtlich, kann diese „Zerstreuungsfunktion”
auch anders gewendet werden, nämlich kritisch. Kunst macht sich die Ambivalenz
der Wahrnehmung”? abseits der Ja-Nein-Codierung zu Nutze, sowohl, um Selbstver-
?7Luhmann 1997, S. 227.
28Bilder, Videos und andere mediale Darreichungsformen spielen auch eine Rolle bei der sprachlichen
Semiose, wie Sum und Jessop in Anlehnung an Gunther Kress zeigen, vgl. Sum und Jessop 2013,
S. 152. Problematisch bleibt, dass sie mangels Sprache eben schwer oder sogar nicht negationsfä-
hig sind - sie müssen in einem entsprechenden Kontext versprachlicht oder im gleichen Medium
beantwortet und kritisiert werden. Gleichzeitig liefern sie ein erhebliches Utopiepotenzial.
10
ständliches zu hinterfragen als auch, um utopische Gegenentwürfe zu konstruieren.
Ob diese Kritik im Medium der Kunst im Einzelfall ohne sprachlich-kuratorische Ein-
ordnung „verstanden“ werden kann, mag dahingestellt bleiben. Sicher ist aber, dass
diese Kunst niemals entstanden wäre und niemals erfolgreich rezipiert würde ohne
sprachliche Prägung der Herstellenden bzw. Betrachtenden.
4 Fazit und Ausblick
Das Fazit dieser Überlegungen: Kritik bedarf der Sprache; sowohl ihrer Fähigkeit,
zu negieren, als auch ihrer „Utopiefähigkeit”.”” Dem Bestehenden zu widersprechen
kann als notwendige Bedingung der Kritik verstanden werden: Kritikkommunikation
ist auf die Kontingenz des Kritisierten angewiesen. Diesen Widerspruch gegen das
Bestehende mit einem Vorschlag, wie es besser ginge, zu kommunizieren, kommt
unserer gegenwärtigen Definition von Kritik bereits sehr nahe.
Kommunikation mit Sprache ist inhärent schon ein Ein- oder Widerspruch, eine
Störung. Das ist Teil dessen, was sie unwahrscheinlich macht; aber das ist auch die
Grundlage jedweder Kritik. Ohne Sprache gibt es also keine Kritik; Sprache ist not-
wendige Voraussetzung. Aber ist sie auch hinreichend? Ich habe versucht, aufzuzei-
gen, dass das sprachlich verfasste Soziale bereits von Anfang an ein Negierendes,
Kritisches ist; ohne „Kritik“ keine Sprache. Diese Kritikfähigkeit ist nicht grenzenlos:
Sprache kann keine Kritik von „außerhalb der Gesellschaft” (wohl aber von außerhalb
einzelner Interaktions-, Organisations- oder Funktionssysteme!) leisten, und Spra-
che kann selbst kritisiert werden, wie man gegenwärtig z.B. an der Gender-Debatte
sieht.” Ob uns diese Fundierung von Kritik in der Sprache reicht, muss sich zeigen.
Denn wir bewegen uns noch in einem recht beliebigen Raum: Man kann eine Ohrfei-
®Zur Frage, ob der utopische auf den negatorischen Sinn zu reduzieren sein könnte, siehe Alexandra
Schauers (Schauer 2024, S. 39-41) Analyse des „Möglichkeitssinns” als in zweierlei Weise auftreten-
des Phänomen, nämlich „als abstrakte oder als bestimmte Negation des Vorgefundenen”. Utopien
wiederum betrachtet sie, S. 44, als „kollektive Imaginationen“ dieses Möglichkeitssinns.
30Kasper 2022.
11
ge kritisieren; man kann ihr Ausbleiben kritisieren („Jetzt wehr dich doch mal!”); man
kann kritisieren, dass jemand die andere Wange hinhält - aber auch, dass er dies nicht
tut; man kann die Kritik der Ohrfeige kritisieren usw. Dem erarbeiteten Kritikbegriff
scheint das Emanzipative, Subversive, eben: Kritische zu fehlen, seine normative und
moralische Fundierung: Welche Kritik ist zu affirmieren und welche ist wiederum
zu kritisieren? Ich werde ihn daher als „schwachen“ Kritikbegriff bezeichnen: Diese
Kritik kann widersprechen und Alternativen zeigen, aber sie kann beides nur in einem
kontingenten Raum der Beliebigkeit.
Um zu bestimmen, ob wir mit und in der Sprache nun Möglichkeiten finden, die
Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen im Allgemeinen oder an bestimmten Ver-
hältnissen im Speziellen auch normativ zu begründen, wird es im anschließenden
zweiten Essay darum gehen, die Funktion der (sprachlichen) Kritik für Gesellschaft
näher zu analysieren. Dabei wenden wir uns vor allem der medialen Entwicklung
und ihrer Technologisierung zu - und versuchen, zu einem „starken“ sprachbasierten
Kritikverständnis durchzustoßen, das sich legitimieren und fundieren kann.
12
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